Angehörige zu Hause pflegen – eine Herkulesaufgabe

2017-01-23

Wenn Menschen Beruf und Pflege unter einen Hut bringen müssen, kommen sie schnell an ihre Grenzen. Warum das so ist, weiß Andrea Göhler, die als Pflegefachkraft des BSW unsere Expertin auf dem Gebiet ist.

Deutschland altert.

Damit steigt der Bedarf an Altenpflege und Betreuung zusehends. Familien sind in Deutschland die Pflegekräfte Nummer eins: Mehr als zwei Drittel der pflegebedürftigen Menschen werden in häuslicher Umgebung versorgt. Ende 2012 waren in Deutschland bereits mehr als 2,5 Millionen Menschen pflegebedürftig – und die Zahl steigt pro Jahr schätzungsweise um knapp fünf Prozent.

Versetzen Sie sich in folgende Situation: Sie sind berufstätig und arbeiten wirklich gerne in Ihrem Beruf. Ihre Eltern wohnen ein Stück entfernt, sie sind verheiratet und haben zwei Kinder im Teenageralter. Sie kommen nach der Arbeit heim, nachdem Sie den Sohn vom Sport abgeholt haben, bereiten schnell etwas zum Abendessen vor, gehen nochmals die Einkaufsliste für den nächsten Tag durch und wollen gerade etwas entspannen – plötzlich ein Anruf…

Angehörige werden trotz mancher Vorboten von der Pflegebedürftigkeit überrascht und sind plötzlich einer Vielzahl von Belastungen ausgesetzt. Wenn aus der Theorie auf einmal Praxis wird, dann sind die meisten trotz vieler Informationen und Tipps selbst mit einfachen Dingen überfordert. Schnell wird ihnen alles zu viel und sie sind von der Pflegesituation völlig überrumpelt. Hier braucht es eine helfende und oft auch ordnende Hand. Extrem erschwerend ist außerdem eine große räumliche Entfernung zu dem zu Pflegenden. Dann müssen administrative Aufgaben, der Kontakt zu Ämtern, zur Krankenkasse und dem Pflegedienst fast ausschließlich über das Telefon geregelt werden.

Die Stresspyramide

Dazu kommt die psychosoziale Komponente: der Job, der Partner, die eigene Gefühlswelt – das kann sehr schnell zu einem Überforderungssyndrom führen. Durch eine plötzlich eintretende Pflegesituation verändern sich selbstverständlich auch die eigenen Sichtweisen – und das darf nicht unterschätzt werden. Oft vernachlässigen pflegende Angehörige ihre eigenen Bedürfnisse, wie Freunde zu treffen oder das Hobby auszuüben. Die Doppelbelastung Pflege und Beruf kann auch zu einer Leistungsminderung führen. Sie fühlen sich ausgebrannt, überschreiten die eigenen physischen und psychischen Grenzen. Dies sind nur einige Abschnitte in einer Stresspyramide, die sich stetig aufbaut, wenn pflegende Angehörige die immense Belastung nicht rechtzeitig nach außen sichtbar machen. Neben den akut praktischen Fragen laufen sie auch leicht Gefahr, ihre eigenen Kräfte aus dem Blick zu verlieren.

Unsere BSW-Sozialberatung und der Psychologisch-Therapeutische Fachdienst helfen dabei, die eigenen Ressourcen zu pflegen und die Gesundheit zu sichern.

Andrea Göhler

Pflege zu Hause oder in einer Pflegeeinrichtung?

Aus Liebe und einem tiefen Verantwortungsgefühl heraus können sich die meisten Betroffenen nur eine Pflege daheim vorstellen. Stationäre Pflegeeinrichtungen werden in der Öffentlichkeit oftmals negativ dargestellt. Das hält Angehörige davon ab, sich ein eigenes Bild von einer geeigneten, den Bedürfnissen des zu Pflegenden angepassten Einrichtung zu verschaffen oder sich Gedanken über alternative Wohn- und Unterbringungsmöglichkeiten zu machen.

Wer sich für die Pflege daheim entschieden hat, sollte sich unbedingt umfassend informieren. Ergänzend zur BSW-Sozialberatung ist beispielsweise eine kostenlose Beratung in einem Pflegestützpunkt hilfreich. Die Pflegestützpunkte müssen von den gesetzlichen Krankenkassen seit 2009 vorgehalten werden und unterstützen kompetent und unbürokratisch bei allen Fragen rund um das Thema Pflege. Privat Versicherte können die Beratung von COMPASS mit einer kostenfreien Servicenummer oder einem terminierten Hausbesuch nutzen.

Multitalente

Wer einen nahen Angehörigen zu Hause pflegt, sieht sich oft mit einer Vielzahl von belastenden Faktoren konfrontiert und muss ein wahres Multitalent sein. Neben der eigenen Familie, dem Beruf, dem Hobby, dem Haushalt und den Freunden müssen die Pflege des Angehörigen sowie alle damit verbundenen Angelegenheiten klar geregelt werden. Denn es fallen neben der möglichen emotionalen Belastung soziale und administrative Aufgaben an: motivierende Gespräche, das Aufrechterhalten von Kontakten des zu Pflegenden, Arztbesuche, das Zahlen von Rechnungen, das Beantragen von Zuschüssen oder Sozialleistungen, der Kontakt zu Ämtern und Krankenkassen.

Die pflegerische Aufgabe ist eine oft unterschätzte Herausforderung. In den meisten mir bekannten Fällen hatten die Angehörigen bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Pflegefall in der eigenen Familie auftrat, keinerlei Berührungspunkte mit Pflege oder der Versorgung von alten Menschen. Auch in solchen Fällen erhalten Betroffene die nötige Hilfestellung von ihren Krankenkassen, die zum Teil auch kostenlose Grundpflegekurse anbieten.

Andrea Göhler

Hilfestellung vom Gesetzgeber

Pflegende Angehörige brauchen ein Gefühl der Sicherheit. Dieses entsteht, wenn sie sich nicht allein gelassen fühlen und Rückhalt auch bei ihren Arbeitgebern finden. Unternehmen sollten der Vereinbarkeit von Pflege und Beruf einen höheren Stellenwert zuerkennen, das erfordert der demographische Wandel. Nur so können Arbeitnehmer, die sich in einer Pflegesituation befinden, den Betrieben mit ihrer Leistungsfähigkeit und Erfahrung erhalten bleiben. Im bestehenden Pflegesystem leisten gerade pflegende Angehörige unter dem Aspekt der Finanzierung sozialstaatlicher Leistungen einen ergänzenden und entlastenden Beitrag. Dass ein hoher Handlungs- und Entlastungbedarf für sie besteht, hat auch der Gesetzgeber erkannt und in den letzten Jahren verschiedene Gesetze zum Thema verabschiedet.

Gesetzliche Regelungen und staatlich garantierte finanzielle Unterstützung nehmen aber nur einen Teil des Drucks, der auf den Schultern jedes einzelnen pflegenden Angehörigen lastet. Finanziell nicht unbeträchtliche Eigenanteile und die hohen psychosozialen Belastungen bleiben.

Kompetente Antworten auf die wichtigsten Fragen

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Durch die Sozialberatung des BSW erhalten Betroffene kompetente und zielführende Beratung und Hilfe zum Thema Pflege. Gemeinsam mit unseren Kooperationspartnern wie der Bahn-BKK zeigen wir Wege auf, wie pflegende Angehörige am besten mit der neuen und für alle Beteiligten ungewohnten Situation umgehen können. Gemeinsam klären wir wichtige Fragen rund um das Thema Pflege und vermitteln weitergehende fachliche Hilfe bzw. Ansprechpartner. Das Thema Betreuungsvollmacht findet hier ebenso seinen Platz wie die Beantragung einer Pflegestufe.
Wenn Sie Unterstützung benötigen, rufen Sie uns unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 0600 0800
an. Sie werden dann direkt zu Ihrem zuständigen BSW-Sozialarbeiter weitergeleitet.