Das richtige Maß: Ab wann wird Genuss zum Problem?

2018-04-18

Immer wieder wenden sich Förderer mit Fragen zu den Themen Konsum und Sucht an die Sozialarbeiter und Therapeuten der Stiftungen BSW und EWH. Was sind die Ursachen von Sucht? Ab wann wird Genuss zum Problem? Julika Mielke ist in der Sozialberatung des BSW tätig und möchte diese und mehr Fragen in ihrer Fachartikel-Reihe beantworten.

Haben Sie auch schon mal gedacht: „Nach diesem harten Tag freue ich mich auf ein Glas Wein!“ oder „Ich trinke jeden Tag ein Bier, da ist doch nichts dabei!“? Wenn Sie diese Einstellung zum Alkoholkonsum als unbedenklich ansehen, sind Sie damit in der deutschen Bevölkerung nicht allein.
Aber ist dieses Konsumverhalten ohne Risiko? Welche Mengen Alkohol sind für den Menschen unbedenklich? Bei welchen Warnzeichen sollte man lieber auf die Bremse treten und ab wann gilt man eigentlich als suchtkrank?

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Situation in Deutschland

In Deutschland konsumieren fast 10 Millionen Menschen Alkohol im gesundheitlich schädlichen Bereich. Und das oftmals ohne es zu wissen. Durchschnittlich trinkt jeder Bundesbürger etwa 134 Liter an alkoholischen Getränken im Jahr. Das entspricht der Füllung einer großen Badewanne. Circa 1,3 Millionen Menschen gelten als alkoholkrank. Dagegen ist das Bewusstsein für gesundheitliche und soziale Folgen des Konsums nur sehr gering. Auch aufgrund der gesellschaftlichen Verbreitung des Suchtmittels erkennen suchtgefährdete Menschen das Problem zum Teil vergleichsweise spät. Das eigene Problembewusstsein wird oftmals auch durch unser soziales Umfeld gehemmt, wenn dort ein ähnliches Trinkmuster vorherrscht.
Dabei steht Alkoholkonsum in direkter Verbindung zu mehr als 200 Erkrankungen, zum Beispiel zu Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen! Alle Organe können durch das Nervengift Alkohol geschädigt werden. Oftmals wird bei körperlichen Symptomen gar nicht an einen Zusammenhang mit dem eigenen Konsumverhalten gedacht. Der bundesdeutsche volkswirtschaftliche Schaden beträgt ungefähr 40 Milliarden Euro im Jahr und kommt vor allem durch Krankheiten und Unfälle zustande. Weiterhin sind 74.000 Todesfälle auf unmittelbare Folgen des Alkoholkonsums zurückzuführen. So ist und bleibt in Deutschland der Alkohol neben Tabak die Problemdroge Nummer Eins.

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Alkohol: Droge mit Suchtpotenzial

Sucht- oder Genussmittel, insbesondere Alkohol, brauchen wir nicht zum Überleben. Im Gegenteil: Unser Körper versucht das Zellgift schnellstmöglich wieder loszuwerden um funktionsfähig zu bleiben. Dennoch macht die oftmals als anregend erlebte Wirkung den Konsum von psychoaktiven Substanzen sehr attraktiv. Aber auch kulturelle Traditionen, Riten und die allgemeine Akzeptanz in der Bevölkerung führen bisweilen zu einem wenig hinterfragten Konsumverhalten. Die möglichen Folgen werden dabei ausgeblendet. Alkoholische Getränke sind legale und für Erwachsene leicht und vergleichsweise günstig zu erwerbende Produkte. Sie gehören wie selbstverständlich für manche Menschen zu bestimmten Gelegenheiten oder sogar zum Alltag dazu.
Das Verführerische am Alkoholkonsum ist unter anderem, dass er eine große und rasche Wirkung auf unser Belohnungssystem im Gehirn ausübt. Dabei kann er verschiedenste Wirkrichtungen bedienen. Je nach gewünschter und erwarteter Wirkung fühlen wir uns durch die Einnahme entweder angeregt, ausgelassen oder in Partylaune. Aber auch Sorgen, Belastungen und Probleme können kurzzeitig in einer Scheinwelt ausgeblendet werden. Oder wir kommen besser zur Ruhe, in die Entspannung und in den Schlaf. Und das alles ohne dafür selbst etwas tun zu müssen – außer zu trinken. Ohne uns selbst anzustrengen, erleben wir ein berauschendes Hochgefühl aufgrund eines künstlichen Dopamin-Ausstoßes.
Es ist also kaum verwunderlich, dass Menschen nach einer positiven Konsumerfahrung diesen vermeintlich bequemen und leichten Weg öfter gehen möchten. Man muss nicht erst die eigenen Fähigkeiten zur Stressbewältigung oder Konfliktlösestrategien benutzen und trainieren, damit man sich wohler oder besser fühlt. Hier liegt allerdings auch die Gefahr für die Entwicklung eines Alkoholproblems, da diese Prozesse unbewusst ablaufen können, sich so an unserem Verstand vorbeischleichen und damit schwer kritisch zu hinterfragen sind.
Ein ernsthaftes Problem liegt vor, wenn der Weg der Selbstregulation über den Konsum allmählich und unbemerkt zur dauerhaften Strategie wird. Wenn man früher noch beim Sport den Stress losgeworden ist, sich durch einen Spaziergang erholt hat oder ein Gespräch mit Freunden Erleichterung brachte, gehen nun diese eigenen Bewältigungsstrategien zunehmend verloren und werden schlimmstenfalls gänzlich vergessen. Gleichzeitig verstärkt sich die Bindung an das Suchtmittel. Wenn keine anderen Möglichkeiten zur Bewältigung von Unwohlsein, Stress und Konflikten mehr existieren, außer zu konsumieren, ist die Grenze zur Suchterkrankung meist schon überschritten.
Suchtmittel regelmäßig als Selbstbelohnung einzusetzen, birgt die Gefahr, auf Dauer eine seelische Abhängigkeit zu entwickeln. Die Grenzen zwischen maßvollem, problematischem und letztlich abhängigem Trinkverhalten verlaufen fließend. Auf dem Weg in ein Konsumproblem steht nirgendwo ein Schild mit der Aufschrift: „Noch ein Bier mehr, noch einen Meter weiter und Sie überschreiten die Grenze zur Abhängigkeit!“ Deshalb lassen Sie uns verschiedene Trinkmuster und die Phasen einer Suchtentwicklung genauer betrachten:

Genuss

Genussvoller Konsum ist ein Weg, verantwortungsvoll mit Alkohol umzugehen. Doch was versteht man eigentlich unter Genuss? Wenn man die Wirkung eines Suchtmittels genießt, konsumiert man in der Regel langsam und ganz bewusst mit allen Sinnen, nicht automatisiert, nicht schnell oder nebenbei. Man hat genügend Zeit und Ruhe und hört sprichwörtlich auf, wenn es am schönsten ist. Es handelt sich also eher um geringe Mengen, die man selten zu sich nimmt. Wirklicher Genuss will nicht eine bestimmte Rauschwirkung erzielen, sondern eine angenehme Situation, einen schönen Anlass unterstreichen oder noch etwas angenehmer machen. Genießen kann man nur, wenn der Konsum des Suchtmittels etwas Besonderes im gegenwärtigen Moment ist, also nichts, was man regelmäßig, sondern in größeren Abständen zu sich nimmt. Der Genießer schreibt dem Konsum keine Funktion zu. Er konsumiert nicht, um etwas zu kompensieren. Er benutzt die Substanz nicht damit es ihm besser geht, damit er kurzfristig negative Gefühle verdrängen kann, sein Selbstbewusstsein steigern kann, besser abschalten, einschlafen, feiern gehen kann, ect.

Riskanter Gebrauch und schädlicher Konsum

Sobald sich eine Regelmäßigkeit im Konsumverhalten einstellt, ist es nichts mehr Besonderes. Dann gehört das Alkoholtrinken wie selbstverständlich zum Alltag und man hinterfragt sich immer weniger, warum man zum Beispiel zum Abendbrot Bier oder Wein trinkt und nicht Apfelsaft. Eine riskante Gewohnheit ist eingetreten.
Das bedeutet nicht, dass man bereits abhängig von Alkohol sein muss. Hier verschwimmt allerdings schnell die Grenze zu einem schädlichen Konsumverhalten. Davon spricht man, wenn sich die Häufigkeit und Regelmäßigkeit des Konsums erhöht. Im schädlichen Gebrauch setzt man eine Substanz bewusst oder unbewusst gezielt ein, um einen bestimmten psychischen Zustand zu erreichen. Dafür wird entweder oft bis zum Rauschzustand konsumiert oder sehr regelmäßig. Das Suchtmittel bekommt eine Funktion im Leben eines Menschen und dient als Zuflucht vor negativen Gefühlen oder einem allgemeinen körperlichen oder seelischen Unwohlsein, das z.B. durch Konflikte, Stresserleben oder unverarbeitete Erlebnisse ausgelöst wird. Anders formuliert: Das Suchtmittel wird als Seelentröster missbraucht.
In der schädlichen Phase steigert sich zwangsläufig auch die Trinkmenge. Das passiert, weil im Körper Prozesse ausgelöst werden, um die eindringenden Giftstoffe effektiver zu verarbeiten. Die Leber, in der 95% des Alkohols abgebaut wird, versucht zunächst immer besser und schneller die Gifte wieder los zu werden, die den Körper schädigen. Es handelt sich dabei um ein automatisch ablaufendes Programm des Körpers im Kampf gegen die Vergiftung. Gleichzeitig verträgt der Konsument stetig mehr Alkohol. Es besteht die Gefahr, dann mehr zu konsumieren, da die angenehme Wirkung nicht mehr so leicht zu spüren ist, die man erreichen will. Ein „trainierter“ oder „gestandener“ Trinker zu sein, ist tatsächlich ein beunruhigendes Zeichen für bereits eingetretene schädliche körperliche Veränderungen durch das Zellgift.
Ein schädlicher Gebrauch zeichnet sich auch dadurch aus, dass man beginnt, in sozial unangemessenen Situation zu konsumieren, wie z.B. bei der Arbeit oder als Straßenverkehrsteilnehmer. Zudem ergeben sich die ersten Anzeichen für negative Folgen im seelischen, körperlichen oder sozialen Bereich. Dies kann zum Beispiel beginnen mit vermehrten „Katern“, Unkonzentriertheit, Abnahme der physischen Leistungsfähigkeit, Stimmungsschwankungen oder der Zunahme von Konflikten mit Mitmenschen. Manchmal erhalten Betroffene in dieser Phase die ersten Rückmeldungen von anderen, dass mit ihrem Trinkverhalten etwas nicht stimmt. Diese Warnsignale gilt es, ernst zu nehmen.

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Abhängigkeit

Als abhängig von Alkohol gilt ein Mensch, wenn er dauerhaft auf den Konsum angewiesen ist, um psychisches oder physisches Unwohlsein zu verhindern. Man konsumiert, obwohl es einem selbst oder anderen Menschen eindeutige, mittlerweile auch bleibende Schäden zufügt. Menge oder Häufigkeit des Trinkens ist bei der Diagnosestellung weniger entscheidend, da die Auswirkungen bei den Betroffenen trotz des gleichen Krankheitsbildes sehr unterschiedlich ausfallen können. Dem landläufigen Bild eines „verwahrlosten Säufers“ entsprechen tatsächlich die wenigsten Menschen mit Alkoholproblemen. Alkoholabhängigkeit kann in jeder Familie und in jeder Berufsgruppe vorkommen und wird auch nicht selten verheimlicht und versteckt. Da Betroffene das Konsumproblem häufig sehr lange bagatellisieren bzw. nicht akzeptieren, können sie erforderliche Hilfe bisweilen nur schwer annehmen.
Von der Diagnose „Substanzmittelabhängigkeit“ spricht man prinzipiell dann, wenn über den Zeitraum von mindestens einem Jahr drei der folgenden sechs Kriterien zutreffen:
• ein oft starker Drang, Wunsch oder sogar Zwang zu konsumieren (Verlangen),
• die verminderte Fähigkeit die Menge oder den Zeitpunkt des Konsums zu kontrollieren (Kontrollverlust),
• körperliche Entzugserscheinungen beim Absetzen des Suchtmittels,
• das Vertragen hoher Mengen des Suchtstoffes (Toleranzerwerb),
• die Vernachlässigung anderer Interessen zugunsten des Konsums sowie
• der anhaltende Konsum trotz deutlich negativer Konsequenzen.
Die Alkoholsucht ist eine chronische Erkrankung, die nichts mit Willens- oder Charakterschwäche zu tun hat. Den Konsum willentlich zu steuern, ist nicht mehr möglich. Betroffene können sich zwischen Abstinenz oder Konsum entscheiden, nicht mehr aber den Konsum auf ein risikoarmes Maß reduzieren.

Empfehlung

Tatsächlich kann man nie ohne Risiko Alkohol konsumieren. Alkohol ist und bleibt ein Zellgift. Jeder Konsum kann Auswirkungen auf den Körper und das Gehirn haben, und somit eine Gefahr darstellen. In Deutschland herrschen eine sehr liberale Alkoholpolitik und eine vergleichsweise schwache Regulierung der Verfügbarkeit von Alkohol.
Daher sei jedem Konsumenten empfohlen sich selbst kritisch zu hinterfragen – unabhängig von Vergleichen mit anderen! Wie viel und zu welchen Gelegenheiten trinke ich Alkohol? Zu welchen Anlässen gehört Alkohol wie selbstverständlich dazu und warum?
Aufgrund einer gerade veröffentlichten internationalen Studie besteht derzeit eine Diskussion darüber, ob in Deutschland bisher geltende Richtwerte für einen risikoarmen Alkoholkonsum überarbeitet werden sollten. Denn die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass bereits ab einem Konsum von mehr als 100g reinem Alkohol pro Woche das Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, wie Bluthochdruck oder Schlaganfälle signifikant erhöht ist und sich die Lebenszeit nachweislich insgesamt verkürzt. Dieser Effekt trete umgerechnet beim Konsum von ungefähr 2,5 Litern Bier oder einem Liter Wein in der Woche auf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ergänzt, dass bei einem täglichen Konsum von 40g Reinalkohol bei Männern und 20g bei Frauen die Wahrscheinlichkeit für schwere Leberschädigungen erhöht ist. 20g Alkohol entspricht annähernd einem halben Liter Bier oder einem viertel Liter Wein. Die WHO empfiehlt für ein gesundheitlich nicht bedenkliches Konsumverhalten eine maximale Trinkmenge von 7g Alkohol pro Tag nicht zu überschreiten. Dies entspricht in etwa einem Glas Bier.
Den unhinterfragten, regelmäßigen Griff zum Glas als harmlos anzusehen, ist demnach kein gesundheitsförderndes Verhalten. Stattdessen kann es sinnvoll sein den eigenen Suchtmittelkonsum bewusst zu betrachten. Denn auch wenn es verschiedene Risikofaktoren gibt, kann letztlich jeder Mensch kurz- oder langfristig ein Alkoholproblem entwickeln. Daher empfehle ich, dass das Trinken von Alkohol etwas Besonderes bleibt. Wer sich für einen seltenen und geringen Alkoholkonsum in angenehmen Situationen entscheidet und dabei bewusst und genussvoll trinkt, braucht eine Suchtentwicklung oder andere Gefährdungen kaum zu fürchten.