Die Patientenverfügung: Verantwortung übernehmen und Angehörige entlasten

2017-01-31

Andreas Becker, Sozialarbeiter im BSW, ist Experte auf dem Gebiet der Vorsorge für den Ernstfall und erklärt, warum eine Patientenverfügung so wichtig ist, welche Maßnahmen es darüber hinaus noch gibt und was es bei all dem zu beachten gilt.

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Unsere Gesellschaft wird immer älter. Nicht nur das Durchschnittsalter der Gesamtbevölkerung, auch die Lebenserwartung jedes Einzelnen steigt stetig an. Jungen, die zwischen 2012 und 2014 geboren wurden, werden laut Statistischem Bundesamt im Schnitt etwas über 78 Jahre alt, Mädchen sogar über 83 Jahre. Zugleich steigt die Zahl der Pflegebedürftigen hierzulande an: Allein in den letzten zwölf Jahren um knapp 30 Prozent auf etwa 2,7 Millionen.

Wer entscheidet über Behandlungsmethoden, wenn ich es nicht selbst tun kann?

In vielen Fällen sind Pflegebedürftige nicht mehr in der Lage, selbst zu entscheiden oder ihren Willen darüber auszudrücken, welche medizinische Versorgung sie in welcher Situation wünschen. Doch nicht nur ältere Menschen sind betroffen. Jeder kann in so eine Situation geraten – zum Beispiel nach einem Unfall. Ärzte und Pflegekräfte wenden sich in solchen Fällen an die nächsten Angehörigen. Sie müssen dann meist sehr schnell schwerwiegende Entscheidungen treffen, manchmal über Leben und Tod – eine Überforderung, der wenige gewachsen sind.

Eine Patientenverfügung hilft, solche Situationen zu vermeiden. Darin wird der eigene Wille deutlich und vor allem rechtssicher festgehalten. Der behandelnde Arzt und sein Team erhalten detaillierte Informationen, in welchen Situationen der Patient welche Behandlungsmaßnahmen und unter welchen Umständen er Wiederbelebungsmaßnahmen wünscht. Und dieses Dokument ist bindend – eine Missachtung der Patientenverfügung kann rechtlich als Körperverletzung ausgelegt werden.

Auf diese Weise übernimmt der Patient im Vorfeld medizinischer Notsituationen selbst die Verantwortung für sich und entlastet seine Angehörigen, indem er ihnen schwierige Entscheidungen in seinem Namen abnimmt.

Der Aufbau einer Patientenverfügung

Zunächst werden die Situationen beschrieben, in denen die Patientenverfügung gilt, zum Beispiel im Sterbeprozess, im Endstadium einer unheilbaren Krankheit oder im Fall einer schwerwiegenden Gehirnschädigung. Anschließend kann für jede dieser Situationen genau festgelegt werden, welche pflegerische oder ärztliche Behandlung der Patient erhalten möchte oder eben nicht – von lebenserhaltenden Maßnahmen über Schmerzbehandlung bis hin zu Wiederbelebung oder künstlicher Ernährung.

Da nicht immer genau die Situationen eintreten, die in der Patientenverfügung beschrieben sind, ist es wichtig, den mutmaßlichen Patientenwillen auf Grenzfälle übertragen zu können. Dabei kann ein Begleitschreiben helfen, in dem die eigenen Wertevorstellungen, die allgemeine Einstellung zu Leben und Tod und gegebenenfalls religiöse Anschauungen festgehalten sind.

Formalitäten

Eine Beglaubigung durch einen Notar ist in der Regel nicht nötig – es sein denn, der Verfasser kann das Dokument nicht mehr eigenhändig unterschreiben. Empfehlenswert ist es, die Patientenverfügung mit dem Hausarzt zu besprechen und ihn als Zeugen unterschreiben zu lassen.

Die Patientenverfügung sollte regelmäßig etwa alle zwei Jahre mit dem aktuellen Datum versehen und unterschrieben werden, um zu signalisieren, dass der Inhalt noch gültig ist. Eine Änderung der Patientenverfügung ist jederzeit formlos möglich. Wichtig ist, jedes Exemplar sorgfältig zu datieren, denn es gilt immer nur die neueste Fassung.

Damit die Patientenverfügung im Bedarfsfall schnell zur Hand ist, müssen die Angehörigen oder Bevollmächtigten Zugriff darauf haben – und stets darüber informiert sein, wo sie aufbewahrt wird. Sinnvoll ist es auch, immer einen Hinweis darauf mit sich zu führen, dass eine Patientenverfügung existiert, und bei Aufnahme in einem Krankenhaus das Personal darüber zu informieren.

Weitere Vorsorgemaßnahmen

Nach deutschem Recht kann jede Person nur für sich selbst und die eigenen minderjährigen Kinder rechtsverbindliche Entscheidungen treffen. Wenn jemand dazu nicht in der Lage ist, geht dieses Recht nicht automatisch auf die nächsten Angehörigen wie den Ehepartner oder die Kinder über, sondern es wird durch einen vom Gericht bestellten Betreuer wahrgenommen. In der Regel werden zunächst die engsten Angehörigen gefragt, ob sie diese Betreuung ehrenamtlich übernehmen. Wenn sie das ablehnen oder keine Angehörigen vorhanden sind, bestimmt das Gericht einen Berufsbetreuer.

Wer es nicht darauf ankommen lassen möchte, kann für den oben beschriebenen Fall mit einer Vorsorgevollmacht eine bestimmte Person bevollmächtigen, in seinem Namen zu handeln und Entscheidungen zu treffen. In der Regel ist die Vollmacht für folgende fünf Bereiche gültig. Gesundheitssorge, Aufenthalt und Wohnungsangelegenheiten, Vertretung vor Behörden, Vermögenssorge sowie Post- und Fernmeldeverkehr. Die einzelnen Bereiche können bei Bedarf aber auf mehrere Personen aufgeteilt werden. So ist es bei älteren Paaren nicht unüblich, dass der Ehepartner die Gesundheits- und Vermögenssorge sowie die Aufenthaltsbestimmung übernimmt und die Kinder den Schriftverkehr und die Vertretung vor Behörden.

Eine notarielle Beurkundung ist in den meisten Fällen nicht nötig, manchmal aber sinnvoll. Eine Vorsorgevollmacht, die auch die Vermögenssorge beinhaltet, sollte zuvor auch mit der Bank besprochen werden, da Banken häufig auf ihre eigenen Vollmachten bestehen. Das spart im Ernstfall Zeit und Streitigkeiten mit der Bank.

Eine Betreuungsverfügung ist so etwas wie eine Vollmacht light. Hier wird lediglich festgelegt, wen das Gericht im Ernstfall als Betreuer einsetzen soll. Sie kann aber auch umgekehrt dazu dienen, bestimmte Personen zu benennen, die diese Funktion auf keinen Fall erfüllen sollen.