Gefangener Geist

2019-03-12

Ein Gedicht von Claudia Hein

"Ich habe lange überlegt, ob ich folgenden Text wirklich online stellen soll, denn natürlich kann man mit einem kleinen Text die Krankheit Depression weder in allen Facetten noch in aller Ausführlichkeit beschreiben.
Dennoch habe ich mich dafür entschieden, diesen kleinen Einblick in mein persönliches Erleben zu gewähren – zum einen um aufzuzeigen, durch welche Hölle die Betroffenen gehen, zum anderen um darauf aufmerksam zu machen dass diese Krankheit ernst genommen werden muss und nicht – aus peinlicher, unangenehmer Berührtheit – totgeschwiegen werden darf. Denn im schlimmsten Fall kann die Spirale in einem Selbstmord(versuch) enden.
Im besten Fall jedoch erkennt die betroffene Person irgendwann, dass sie Hilfe braucht, dass sie allein nicht in der Lage ist, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und die Notbremse ziehen muss."

Gefangener Geist

Mauern umzingeln Dein Denken.
Verhindern, dass Du nach links und rechts schaust.
Werfen Schatten.
Verdüstern Deinen Geist.
Nehmen ihn gefangen.
Dein Denken verändert sich.
Wird negativ.
Eine Katastrophen-Vorstellung jagt die Nächste.
Jagt Dich im Kreis.
Lässt Dich nie zur Ruhe kommen.
Blockiert alles andere.
Du fängst an zu vergessen – alltägliche Kleinigkeiten oder Wissen, welches Du Dir über die Jahre angeeignet hast.
Kannst Dich noch nicht mal an den Gedanken erinnern, der Dir vor einer
Sekunde durch den Kopf gegangen ist.
Du kannst Dir nichts mehr merken.
Post-its werden Deine besten Freunde.
Du fängst an, an Dir zu Zweifeln.
Der Zweifel verfinstert den Geist noch mehr.
Es fällt Dir schwer, Dich zu konzentrieren.
Lustlosigkeit setzt ein – Du bringst ja eh nichts zu Ende, Du schaffst es ja
sowieso nicht – hat das alles überhaupt noch einen Sinn?
Die Mauern wachsen.
Erdrücken Dich.
Nehmen Dir jede Energie.
Jede Bewegung fordert höchste Konzentration und alles an Kraft.
Jede Interaktion mit Deinen Mitmenschen wird zur Qual.
Nehmen sie Dich ernst?
Lästern sie hinter Deinem Rücken über Dein ständiges Versagen?
Geben sie sich nur mit Dir ab, weil sie Mitleid mit Dir haben?
Warum geben sie sich überhaupt noch mit Dir ab?
Du hast doch eh nichts zu bieten.
Nichts zu geben.
Die Mauern erschlagen Dich fast.
Du bist rastlos.
Siehst keinen Ausweg mehr.
Das Karussell in Deinem Kopf bleibt niemals stehen.
Du glaubst nicht, dass Du noch irgendwas irgendwie beeinflussen kannst.
Fühlst Dich machtlos.
Hilflos.
Du kommst noch nicht mal auf die Idee, um Hilfe zu bitten.
Wer sollte Dir denn auch schon helfen wollen?
Außerdem möchtest Du nicht zur Last fallen.
Wozu solltest Du auch um Hilfe bitten?
Du schaffst es doch auch allein!
Du glaubst niemanden mehr.
Vertraust niemanden mehr.
Weder anderen und schon gar nicht Dir selbst.
Du vernachlässigst Dich.
Deine Umgebung.
Deine Beziehungen.
Alles wird überschattet.
Alles wird Dir zu viel.
Einfach zu viel.
Selbst die einfachsten Dinge überfordern Dich.
Treiben Dich so in noch tieferen Selbstzweifel.
Selbsthass.
Deine Gefühle verstummen.
Bis nur noch Leere herrscht.
Gähnende, abgrundtiefe Leere.
Du reagierst auf nichts mehr.
Kostet zu viel Energie.
Du bist taub.
Dein ganzer Körper – Geist – wie betäubt.
Deine Seele zentnerschwer.
Deine Bewegungen werden langsamer.
Das Sprechen fällt schwer.
Immer wieder stolperst Du über Deine Zunge.
Verknotest sie.
Bis Du ganz verstummst.
Deine Gedanken ein einziges Chaos.
Niemals still.
Immer negativ.
Immer abwertend.
Am meisten Dir gegenüber.
Jeden Misserfolg in Deiner Umgebung beziehst Du auf Dich.
Du bist Schuld.
Immer und überall.
Die Konzentration ist hinüber.
Keine Kontrolle über Deine Gedanken.
Hilflos bist Du ihnen ausgeliefert.
Kannst Dich nicht mehr wehren.
Bist wie gelähmt.
Kannst Dich nicht mehr von der Stelle rühren.
Bist unfähig einfachste Entscheidungen zu treffen.
Kannst nicht mehr rational denken.
Kommst nicht mehr vorwärts.
Trittst auf der Stelle.
Sinkst ein.
Brichst unter der Last zusammen.
Dein Körper kommt zum Stillstand.
Dein Geist, Dein Denken wird immer schneller.
Immer hektischer.
Zusammenhangloser.
Lässt Dich nicht mehr zur Ruhe kommen.
Blockiert Dich.
Du bist allein.
Ganz allein.
Es wird alles zu viel.
Viel zu viel.
Die Dunkelheit erdrückt Dich.
Die Mauern kesseln Dich ein.
Deine Gedanken fesseln Dich.
Es gibt kein Entrinnen.
Keinen Lichtblick.
Keine helfende Hand.
Dein Geist ist gefangen
(und damit auch Du selbst)