Konsum-Mythen: Ist ein Glas Wein am Abend gesund?

2018-07-19

Immer wieder wenden sich Ratsuchende mit Fragen zu den Themen Konsum und Sucht an die Sozialarbeiter und Therapeuten der Stiftungsfamilie BSW & EWH. Ist ein Glas Wein am Abend gesund? Fördert ein Glas Schnaps nach dem Essen die Verdauung? Julika Mielke ist in der Sozialberatung tätig und beantwortet diese und mehr Fragen in ihrer Fachartikel-Reihe.

Über Genuss- und Suchtmittel oder auf dem Gebiet der sogenannten Verhaltenssüchte existieren seit jeher viele Mythen. Deshalb greife ich im Rahmen der Fachartikelreihe einige bekannte Behauptungen über legale und illegale Substanzen und stoffungebundene Konsumformen auf und überprüfe sie kritisch nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung.

mythen-600x338-q92

Weinlaune: Ist ein Glas Wein am Abend gesund?

Der Mythos: Rotwein ist gut für das Herz und die allgemeine Gesundheit. Dieser Überzeugung sind durchaus nicht nur Weinliebhaber. Auch von Medizinern hört man hin und wieder, ein Glas Wein am Abend könne nicht schaden und sei sogar zu empfehlen. Inzwischen haben sich einige Studien mit der Frage beschäftigt, ob sich Rotweinkonsum positiv auf die Herzgesundheit auswirken kann.
Die Tatsache: Rotwein enthält tatsächlich Antioxidantien, die dafür bekannt sind, menschliche Körperzellen vor freien Radikalen zu schützen. Diese stammen aus den sekundären Pflanzenstoffen der Weintrauben. Allerdings enthält Wein durch den Alkoholanteil auch ungesunde Inhaltsstoffe und Zellgifte. Beim Abbau von Alkohol im Körper entsteht beispielsweise das toxische Acetaldehyd. Ein Großteil der Forschungsresultate weist darauf hin, dass die schädlichen Bestandteile des Alkohols die mutmaßlich gesundheitsförderlichen Nährstoffe in Rotwein aufwiegen. Darüber hinaus ist regelmäßiger Alkoholkonsum immer mit einem erhöhten Risiko für Folgeerkrankungen verbunden. Deshalb ist es generell nicht zu empfehlen, Alkohol zur Gesundheitserhaltung zu konsumieren. Im Gegenteil: Das Nervengift kann bei regelmäßigem Gebrauch nachweislich über 200 Erkrankungen im menschlichen Körper mitverursachen und so langfristig die Organe schädigen. Hinzu kommt das Risiko einer körperlichen und seelischen Gewöhnung und einer damit verbundenen Bindung an das Suchtmittel, die zu einer Abhängigkeitserkrankung führen kann. Die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation lautet deshalb, mindestens zwei Tage in der Woche alkoholfrei zu leben. Zudem sollte eine gesunde erwachsene Frau pro Konsumtag nicht mehr als einen viertel Liter Wein trinken. Für Männer liegt der Richtwert geringfügig höher. Wer seinem Körper also mit hochwertigen Inhaltsstoffen etwas Gutes tun möchte, für den ist Traubensaft die eindeutig gesündere Alternative!

slot-machine-2304135_1920-600x611-q92

Trick 17: Sind Glücksspielautomaten manipulierbar?

Der Mythos: Bei einigen Personen, die Glücksspielen nachgehen, hält sich hartnäckig der Aberglaube, man könne den Spielausgang durch ein bestimmtes Spielverhalten, ein eigens ausgetüfteltes System, eine besondere Denkweise oder seine Gemütsverfassung manipulieren.
Die Tatsache: Generell ist der Ausgang der meisten Glücksspiele vom Zufall abhängig. Der Spieler muss immer damit rechnen, seinen gesamten Einsatz zu verlieren. Einige Spielarten sind sogar deutlich auf Verlust programmiert, wie beispielsweise das Automatenglücksspiel. Das ermöglicht den Betreibern, aber auch dem Staat durch die erhobenen Steuern, berechenbare und nicht unerhebliche Einnahmen. Dauerhaft verliert ein Spieler am Automaten durchschnittlich 30 Euro in der Stunde. Dennoch halten sich irrationale Überzeugungen, die Ergebnisse der Spiele kontrollieren zu können, sehr hartnäckig – vor allem bei bereits suchtgefährdeten und glücksspielabhängigen Menschen. Und diese Illusion wird von der Glücksspielindustrie, z.B. durch die spezielle Programmierung der Automaten oder durch die zuvorkommende Bedienung in Spielhallen, systematisch verstärkt und ausgenutzt. Typische Denkweisen der Spieler sind beispielsweise, man könne durch Ausdauer und Wissen viel Geld mit Glücksspielen verdienen, oder die Haltung, dass das engagierte Dranbleiben auch bei Verlusten irgendwann belohnt wird. Fast-Gewinne lösen die Fantasie aus, beinahe den Automaten „geknackt“ zu haben und dass der nächste Versuch mit Sicherheit ein Erfolg werden müsse. Bei aufeinanderfolgenden Nichtgewinnen ist der Automat bestimmt „verhext“, man hat eine „Pechsträhne“ oder es ist einfach „nicht mein Tag“. Hier handelt es sich um sogenannte kognitive Verzerrungen, die unter anderem als Rechtfertigung für die Aufrechterhaltung des Spielverhaltens dienen. Und das obwohl sich für Betroffene oft bereits ernste finanzielle, aber auch soziale und psychische Probleme ergeben haben. Regelmäßiges Glücksspiel birgt ein erhebliches Suchtpotenzial und kann zu dauerhaften negativen Auswirkungen in allen Lebensbereichen führen.

smoke-69124_1280-600x400-q92

Rein pflanzlich: Ist Cannabis harmlos?

Der Mythos: Über Cannabis und dessen Konsum kursieren eine Vielzahl unterschiedlicher Alltagsmeinungen. Einerseits gibt es zuweilen von Eltern jugendlicher Kinder die Befürchtung, Cannabis sei eine gefährliche Einstiegsdroge. Bei den Eltern herrschen oftmals Katastrophenängste, sie sehen den Nachwuchs bereits verwahrlost, obdachlos und drogenabhängig unter der Brücke schlafen, wenn dieser im Jugendalter das Kiffen ausprobiert. Andererseits wird Cannabis auch gerne mit Alkohol oder synthetischen Drogen verglichen und leichtfertig bagatellisiert. Der Substanz werden aber auch verschiedene gesundheitliche Wunderwirkungen zugesprochen.
Die Tatsache: In Deutschland ist die Legalisierungsdebatte um den Cannabiskonsum seit Jahren in vollem Gange. Unabhängig von den verschiedenen Argumenten der Befürworter und Gegner gilt es, sich die Fakten vor Augen zu führen:
Der Konsum von Suchtmitteln ist immer mit Nebenwirkungen verbunden. Es ist nicht sinnvoll, die Gefährlichkeit von Cannabis mit anderen legalen oder illegalen Drogen, wie Alkohol, Tabak oder Kokain zu vergleichen. Die Frage ist weniger, was konsumiert wird, sondern eher wie oft, wie viel und welche Konsequenzen dadurch im Leben für den Einzelnen und seine Umwelt entstehen.
Eine Tatsache, die gerne übersehen wird, ist, dass Cannabis in Deutschland nach wie vor eine illegale Droge ist. Der Besitz, die Einfuhr und der Handel mit der Substanz sind strafbar. Dadurch ist potenzieller Schaden für den Konsumenten allein aus juristischer Sicht bereits beim ersten Kontakt möglich. Daneben kann regelmäßiger Missbrauch von Cannabis nachweislich auch unmittelbare negative Auswirkungen auf Körper, Psyche und das soziale Leben eines Konsumenten mit sich bringen.
Chronisches Kiffen schädigt erwiesenermaßen die Lunge und kann einen negativen Einfluss auf die Fruchtbarkeit und den Hormonhaushalt haben. Des Weiteren leiden Dauerkiffer nicht selten unter kognitiven Störungen wie verminderter Merkfähigkeit und Konzentration, Lernschwierigkeiten und Beeinträchtigungen im Kurzzeitgedächtnis. Zudem erleben Betroffene oft Antriebsstörungen und haben daher Probleme, sich zu bestimmten Leistungen und manchmal sogar für die grundlegende Alltagsbewältigung zu motivieren („Null-Bock-Syndrom“). Interessenverlust und Passivität im Leben können ebenso die Folge sein wie Angststörungen, paranoide Ideen (Verfolgungswahn) und Depressionen. Auch Psychosen wie Schizophrenie können bereits bei einmaligem Konsum ausgelöst oder verstärkt werden. Nicht zuletzt ist es möglich durch fortwährenden Konsum eine seelische Abhängigkeit von Cannabis zu entwickeln. Der Konsument nutzt in diesem Fall das Kiffen als Dauerstrategie zur Problembewältigung bei Konflikten und Stresserleben.
Eine systematische Erhebung von Todesfällen durch Cannabiskonsum ist sehr schwierig und wird aktuell nicht vorgenommen. Dass tödliche Langzeitfolgen durch jahrelanges chronisches Kiffen ausgeschlossen sein sollen, wie landläufig immer wieder zu hören ist, ist bei der nachweislichen Schädigung der Lungenfunktion sowie der Herz-Kreislauffunktion unwahrscheinlich. Erwiesenermaßen ist es durch Dauerkonsum bereits zu Lungenembolien, Schlaganfällen oder Thrombosen gekommen. Auch das Krebsrisiko ist bei Kiffern deutlich erhöht – einigen Studien zufolge sogar höher als bei reinen Rauchern. Dies sei auf die um ein Vielfaches erhöhte Ammoniak- und Stickstoffmonoxid-Konzentration in Cannabis zurückzuführen.
Diese Tatsachen müssen nicht zwangsläufig ein Grund zur Panik sein. Nicht vergessen sollte man, dass Grenzerfahrungen und das Experimentieren mit bestimmten Substanzen durchaus jugendtypische Verhaltensweisen sind. Die meisten Jugendlichen, die das Kiffen ausprobieren, entwickeln tatsächlich kein dauerhaftes Konsumproblem.
Übrigens: wenn Cannabis bei bestimmten schweren chronischen Erkrankungen ärztlich verordnet wird, enthält die Substanz kein oder nur noch wenig des psychoaktiv wirkendenden Tetrahydrocannabinol (THC). Somit bleibt der typische Rauscheffekt aus. Die Linderung der Symptome, die Patienten bei einigen Krankheitsbildern beschreiben, wird vor allem auf die enthaltenen Cannabidiole zurückgeführt, die bestimmte Transmittertätigkeiten im Gehirn drosseln und so beispielsweise Schmerzen verringern können.

bar-316626_1280-600x397-q92

Schnapsidee: Fördert Schnaps die Verdauung?

Der Mythos: Eine Behauptung, die sich durch eine Redensart sprichwörtlich in aller Munde hält, ist die Annahme, Schnaps fördere die Verdauung.
Die Tatsache: Dass sich manch einer subjektiv wohler fühlt, wenn er vor oder nach einer üppigen Mahlzeit einen Schnaps getrunken hat, kann durchaus möglich sein. Forscher führen dieses Phänomen hauptsächlich auf zwei Ursachen zurück: Das Völlegefühl im Magen kann kurzzeitig durch die Lockerung der Muskulatur etwas gelindert werden. Als zweite Erklärung dient einzig und allein der Placebo-Effekt. Denn tatsächlich beschleunigen alkoholische Getränke laut wissenschaftlichen Studien den Verdauungsprozess nicht. Das Gegenteil ist sogar der Fall: Die Insulinausschüttung, die für den Verdauungsprozess notwendig ist, wird gebremst und damit auch die Verdauung erschwert. Auch die Leber ist zunächst mit der Verarbeitung der Zellgifte beschäftigt, bis sie sich der Fettverarbeitung widmen kann. Zudem ist jeder Schluck eine zusätzliche und nicht unerhebliche Kalorienzufuhr. Generell gilt: Egal ob vor oder nach dem Essen, Alkohol führt dem Körper zusätzliche Giftstoffe zu, die er verarbeiten muss. Das wiegen auch spezielle Kräuter im Schnaps nicht auf. Daher ist das berühmte „Verdauerli“ sogar eher schädlich als förderlich. Die weitaus bessere Möglichkeit nach einem reichhaltigen Essen die Verdauung anzuregen, ist Kräutertee oder Bewegung an der frischen Luft.

Raucherlogik: Viele Kettenraucher werden 100 Jahre alt.

Der Mythos: Überzeugte Raucher wollen sich nicht gerne die Laune an ihrer Leidenschaft verderben lassen und spielen deshalb häufig Hinweise über die Schädlichkeit des Rauchens herunter. So rechtfertigen sie ihren Konsum mit Argumenten wie: „Mein Nachbar hat nie geraucht und ist trotzdem an Krebs gestorben.“ Oder sie blicken voller Selbstberuhigung auf Personen des öffentlichen Lebens wie Helmut Schmidt, der Jahrzehnte regelrecht verschmolzen mit seinen Zigaretten lebte, und stolze 96 Jahre alt wurde.
Die Tatsache: Gerade bei abhängig konsumierenden Rauchern haben wir es bei dieser Argumentation auch mit kognitiven Verzerrungen zu tun. Um ohne schlechtes Gewissen weiter rauchen zu können, fokussiert die menschliche Wahrnehmung die besonderen Fälle, die das eigene Verhalten rechtfertigen bzw. weniger schädlich wirken lassen. Fakt ist, dass in Deutschland jährlich zwischen 110.000 und 140.000 Menschen an den Folgen des Rauchens sterben. Das sind deutlich mehr Menschen, als bei Autounfällen tödlich verunglücken oder die an den Folgen von Alkoholkonsum oder illegalen Drogen sterben. Von allen registrierten Lungenkrebsfällen sind circa 90 Prozent Raucher. Eine amerikanische Studie hat ergeben, dass bei Menschen, die langfristig ein bis zehn Zigaretten täglich rauchen, eine um 87 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit besteht, früher zu sterben als Nichtraucher. Neben dem erhöhten Krebsrisiko sind auch Herz- und Kreislauferkrankungen wie Schlaganfälle oder Herzinfarkte und chronische Lungen- und Bronchienerkrankungen als mögliche Folgen zu nennen. Rauchen gilt als der vermeidbarste Risikofaktor für Krankheiten und einen frühzeitigen Tod. Auch wenn die Zahl der Zigarettenkonsumenten langsam aber stetig abnimmt, rauchen Deutsche im weltweiten Vergleich noch überdurchschnittlich viel. Hinzu kommt der Trend, vermehrt auf E-Zigaretten oder Shishas umzusteigen. Aber auch diese Alternativen sind nicht risikofrei und weisen gesundheitsschädigende Inhaltsstoffe auf.

img_5291_bearbeitet-600x400-q92
Julika Mielke

Präventions- und Beratungsangebote sind wichtig

Dieser Auszug aus dem breiten Spektrum an Mythen und Fakten zeigt, wie hartnäckig sich unhinterfragte Alltagsmeinungen etablieren können und wie wichtig fundierte Aufklärung und Beratungsangebote über stoffgebundene und stoffungebundene Substanzen und Süchte sind. Um dem Thema weiterhin mehr Raum zu ermöglichen, werde ich auch die nächsten Fachartikel aus der Reihe Konsum- und Suchtfragen dazu nutzen, über verschiedene Substanzen und Verhaltenssüchte zu informieren.
Suchtgefährdeten oder abhängigkeitserkrankten Menschen und deren Angehörigen stehen deutschlandweit spezifische Beratungs- und Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. Sie erhalten darüber hinaus bei den Sozialarbeitern und dem Psychologisch-Therapeutischen-Fachdienst der Stiftungsfamilie BSW & EWH Unterstützung. Sprechen Sie uns einfach an!

Wenn‘s eng wird, sind wir für Sie da.

Unsere Sozialarbeiter und der Psychologisch-Therapeutische Fachdienst helfen Ihnen im beruflichen wie privaten Umfeld – unter der zentralen Telefonnummer:
0800 0600 0800. (Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr)
Wenn Sie Unterstützung benötigen, dann rufen Sie unter dieser gebührenfreien Nummer an und Sie werden direkt zu einem Sozialarbeiter weitergeleitet. Selbstverständlich können Sie sich auch per E-Mail bei uns melden: sozialberatung@stiftungsfamilie.de