Wer ist schuld an den Schulden?

2017-10-25

Fachartikel von BSW-Sozialarbeiter Sascha Rehberg

Jeder zehnte Bundesbürger über 18 Jahren ist überschuldet. Das geht aus dem Schuldenatlas 2016 des Wirtschaftsauskunfts-Unternehmens Creditreform hervor. Davon leben über vier Millionen Personen in einer dauerhaften Überschuldungssituation. Auch vor den Förderern und Spendern der Stiftungen BSW und EWH macht dieses Thema nicht Halt. Immer wieder wenden sich Hilfesuchende mit Schuldenproblemen an die BSW-Sozialberatung.
Was steckt hinter diesen erschreckend hohen Zahlen? Was sind die Ursachen von Überschuldung? Wie kann man der Schuldenspirale entkommen? Diesen Fragen beantwortet Sascha Rehberg, Diplom-Sozialberater im BSW und zertifizierter Schuldnerberater, in diesem Fachartikel.

Jeder hat Schulden
Unser Waren- und Dienstleistungsaustausch wird über Geld geregelt. Ganz ohne Schulden zu leben, ist fast unmöglich – Flüge zu buchen oder ein Auto zu kaufen, ist ohne Kredit oder Kreditkarte heute gar nicht mehr denkbar. Schulden zu haben, ist daher ganz normal und gehört zum wirtschaftlichen Kreislauf, zum gesellschaftlichen Zusammenleben. Kritisch wird die Situation erst bei sogenannter Überschuldung. Davon spricht man, wenn die monatlichen Zahlungsverpflichtungen das Einkommen übersteigen und der Schuldner die Forderungen auf Dauer nicht mehr bedienen kann.

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Wie Überschuldung entsteht
Die Wenigsten sind „selbst schuld“ an den Schulden. Nur etwa elf Prozent der überschuldeten Personen sind aufgrund ihres Konsumverhaltens in diese Lage geraten, indem sie zum Beispiel mehr gekauft haben, als sie sich leisten können. In über der Hälfte aller Fälle sind Schicksalsschläge wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Trennung bzw. Verlust des Partners die Auslöser von Schuldenkrisen. Es kann auch passieren, dass das Geld auch bei voller Erwerbstätigkeit nicht zum Leben reicht – Einkommensarmut ist in Deutschland die zweithäufigste Ursache für Überschuldung. An dritter Stelle folgt die gescheiterte Selbstständigkeit, die oftmals einen Schuldenberg hinterlässt, den die Betroffenen nicht mehr selbst bewältigen können.

Risikogruppen
Männer und Frauen sind ungefähr gleich oft von Überschuldung betroffen, doch es gibt zwei überdurchschnittlich gefährdete Gruppen: Alleinerziehende, die nicht oder nur in Teilzeit arbeiten, und Alleinlebende Besonders hoch ist das Überschuldungsrisiko zudem in der ersten Lebenshälfte: Kinder, Haus- und Autokäufe sind finanzielle Risiken, die viele in dieser Lebensphase eingehen. Verringert sich dann das Einkommen, etwa aufgrund einer langen Erkrankung oder Arbeitslosigkeit, ist die Schuldenkrise meist nicht mehr fern.

Schulden und Scham
Ist die Überschuldung erst einmal eingetreten, versuchen die meisten Betroffenen zunächst, naheliegende Gegenmaßnahmen einzuleiten: sie sparen, verkaufen Wertsachen, leihen sich Geld bei Freunden und Verwandten, nehmen Kredite auf oder suchen sich einen zusätzlichen Nebenjob. Reicht das nicht aus, treten sogenannte „harte“ Überschuldungsanzeichen auf. Die Schuldner geraten in Zahlungsverzug, in Inkassoverfahren, müssen eidesstattliche Versicherungen abgeben oder werden gar gepfändet. Viele der Betroffenen versuchen, ihr Problem geheim zu halten, weil sie sich ihrer Schulden schämen. Dabei kommt ihnen die Situation immer auswegloser vor, sie fühlen sich ohnmächtig. So dreht sich die Schuldenspirale immer weiter, bis die Überschuldeten anfangen, ihre Post nicht mehr zu öffnen, um das Problem zu verdrängen.

Auswirkungen von Schulden
Die meisten Betroffenen leiden so stark unter der Situation, dass sie über kurz oder lang körperliche und seelische Auswirkungen spüren. 80 Prozent der Überschuldeten werden psychisch krank oder entwickeln Wirbelsäulen- oder Gelenkerkrankungen. Fast zwei Drittel von denjenigen, die in medizinischer Behandlung sind, kaufen aus Geldmangel die verschriebenen Medikamente nicht. Auch Freunde und Familie der Betroffenen ziehen sich häufig zurück. Schulden können sogar den Arbeitsplatz gefährden oder verhindern, dass Arbeitslose eine Beschäftigung finden. In vielen Fällen können Überschuldete den Teufelskreis, in dem sie sich befinden und der ihr ganzes Leben beherrscht, nicht mehr aus eigener Kraft durchbrechen.

Der Weg aus der Krise
Doch Schulden zu überwinden, ist möglich – für jeden. Wichtig ist der erste Schritt der Betroffenen in eine nach §305 InsO anerkannte Schuldnerberatung. Die Schuldnerberatungsstellen helfen kostenlos und vertraulich dabei, die finanziellen Verhältnisse der Betroffenen zu ordnen und die individuellen Möglichkeiten auszuloten. Dabei gilt der Grundsatz: Erst kommt das Leben, dann die Schulden. Dazu hat der Gesetzgeber Regelungen getroffen, die trotz Überschuldung die Existenz sichern sollen: Das Pfändungsschutz-Konto, kurz: P-Konto, beinhaltet zum Beispiel eine Freigrenze von mindestens 1133,80 Euro, die nicht gepfändet werden darf, damit Schuldner die laufenden Kosten decken können, die lebensnotwendig sind. Als letzte Möglichkeit steht der Weg des Insolvenzverfahrens offen, bei der ein vollständiger finanzieller Neustart möglich ist. Schuldnerberatungen begleiten ihre Klienten in der Regel durch den gesamten Prozess bis eine Gesamtlösung gefunden ist. Leider müssen Hilfesuchende bei den Beratungsstellen oft lange Wartezeiten – im Schnitt um die zehn Wochen – in Kauf nehmen. Diese Wartezeit können die Schuldner jedoch zur Vorbereitung nutzen, indem sie wichtige Unterlagen zusammensuchen und ordnen.

Rechtzeitig Unterstützung suchen!
Wenn das Geld nicht mehr reicht, um Strom oder Miete zu bezahlen, lässt das auf ein ernstes Schuldenproblem schließen. Spätestens wenn diese so genannten Indikatorschulden auftreten, ist es höchste Zeit, sich Hilfe zu holen. Die BSW-Sozialarbeiter stehen auch bei Geldsorgen bereit und können im Rahmen einer Budgetberatung erste Schritte begleiten – schnell, diskret und vertraulich. Sie vermitteln bei Bedarf auch an Schuldnerberatungen weiter und helfen bei der Vorbereitung des dortigen Erstberatungsgesprächs, indem sie beispielsweise gemeinsam mit dem Schuldner die Unterlagen nach Ursprungsgläubigern sortieren oder eine Schufa-Auskunft anfordern.

Existenzsicherung vor Schuldentilgung
Wichtig ist in jedem Fall, sich dem Problem zu stellen, und sich klar zu machen, dass es nur aufwärts gehen kann. Bei der Schuldnerberatung gilt der Grundsatz „Existenzsicherung vor Schuldentilgung“: Erst müssen die lebensnotwendigen Ausgaben gedeckt sein – Miete, Strom, Heizung, Fahrtkosten und Lebensmittel. Nur mit dem dann noch übrigen Geld werden Schulden abgebaut. Dieser Prozess erfordert zwar viel Geduld und manchmal starke Nerven, doch am Ende steht ein schuldenfreies, selbstbestimmtes Leben.

BSW-Netzwerk Soziale Dienste

Wenn Sie nicht mehr weiter wissen, sind wir für Sie da. Die BSW-Sozialberatung und der Psychologisch-Therapeutische Fachdienst stehen Ihnen deutschlandweit, unbürokratisch und diskret zur Verfügung. Bei finanziellen Sorgen können wir zum Beispiel mit Budgetberatung oder Erstellung eines Haushaltsplans helfen – im Ernstfall vermitteln wir auch weiter an spezialisierte Fachdienste.

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